Lieblingshaiku

In dieser Rubrik werden Lieblingshaiku der Edition zusammen mit einem Kommentar präsentiert.

Das alte Jahr und

das neue: etwas zieht sich

durch wie ein Stab.

(Takahama Kyoshi)

Obwohl es sich nicht um ein deutschsprachiges Originalhaiku handelt: diese Übersetzung ist zu schön, um sie auszulassen. Man möchte mit dem alten Jahr etwas abschließen und einen neuen Abschnitt beginnen. Trotzdem kann man das alte und das neue Jahr nicht einfach getrennt voneinander betrachten. Die beiden Jahre bleiben miteinander verbunden. (Das Haiku ist abgedruckt in dem großartigen Buch »Welch eine Stille! Die Haiku-Lehre des Takahama Kyoshi.« Hg. von Inahata Teiko und Stefan Wolfschütz, ISBN 978-3-7431-4966-3. Dank an Stefan Wolfschütz für die Genehmigung zum Einstellen auf dieser Webseite.)

Gänse am Kloster,

Schnattern am Weihnachtsmorgen.

Ja, noch ist Zeit, ihr!

(Volker Friebel)

Die Gänse sind hier lebhaft und lebendig, ohne zu wissen, was ihr Schicksal sein wird. So können sie am Morgen noch unbefangen schnattern, bevor sie als Weihnachtsgänse aufgetischt werden. Wenn man es genau bedenkt, ist das menschliche Leben ganz ähnlich: man geht jeden Tag seinen gewohnten Tätigkeiten nach, ohne zu wissen, wann das eigene Leben zu Ende sein wird.

Die Witwe am Fenster rechnet

Wieviel Petroleum der Mond wohl kostet,

Der unnütz brennt die ganze Nacht!

(Yvan Goll)

Eines der ganz frühen deutschsprachigen Originalhaiku, die – in den 1920er Jahren – abgedruckt wurden. Allgemein übernahmen die frühen deutschen Haiku in erster Linie die kurze Form der japanischen Vorbilder, nicht die stilistischen Merkmale des klassischen japanischen Haiku (wie kidai bzw. kigo, yoin, yo-haku usw.). In diesem Haiku ist das Bild der sorgenvollen Witwe, die sich wegen ihrer ganz kleinen Rente nicht einmal mehr an Naturschönheiten erfreuen kann, treffend und mit einem humorvollen Unterton eingefangen.

Draußen der Regen.

Die Katze auf dem Sofa

muss etwas rücken.

(Yann Brunotte)

Dies Haiku ist in der Jahresauswahl 2020 von haiku heute zu finden. Sprachlich klar und unprätentiös wird hier das Bild eines Regentages wiedergegeben. Was die Katze längst begriffen hat, akzeptiert schließlich auch der Mensch – es ist kein Tag, um etwas zu tun. Sondern eine Gelegenheit, um auch einmal Atem zu holen und sich auszuruhen.